Mittwoch, 18. Oktober 2017

Über Kübelübel und Naturtrübes

Man hat mich kurz und blau geschlagen. Mir ist schwarz-türkis vor Augen. Es juckt ein pinker Ausschlag. Die Hoffnung zerfällt mir wie Pilze im Mund. Die Augen reizgerötet, wein ich grüne Tränen. Herbst kann Melancholie. Ob die künftige Koalition regieren kann?
Es erst lernen zu müssen, kann kosten. Aber das leisten wir uns offenbar lieber als Solidarität. Missgunst hat die Wahl entschieden. Anderen nichts, sich selbst alles gönnen. So viel Missgunst #gönndir.
Wählerinnen und Wähler sind volatil, Parteien out. Alles scheint sich zu bewegen, doch ist die Bewegung in Wahrheit bloß ein Mauern. Mit mir sind keine Mauern zu machen. Da halt ich es mit Element of Crime und singe: „Bring den Vorschlaghammer mit, wenn du heute Abend kommst. Dann hauen wir alles kurz und klein. Der ganze alte Schrott muss raus und neuer Schrott muss rein. Bis morgen muss der ganze Rotz verschwunden sein.“

Ach, wenn es doch so einfach und vor allem so schnell ginge. Aber fünf Jahre können sehr, sehr lange sein. Mir wird schlecht, mir ist schlecht. Sag nicht Kotzeimer, sag Kübelübel, das klingt lieblicher und macht's erträglicher. Aber harte Fakten müssen ausgesprochen und nicht verniedlicht werden. Sag nicht Actionfilz, wenn du Seilschaften meinst. Sag nicht Seilschaften, wenn du Burschenschaften meinst. Nur 0,4 Promille der österreichischen Bevölkerung sind Mitglied bei einer schlagenden Verbindung, aber in der FPÖ schaut das ganz anders aus. Heinz-Christian Strache und Johann Gudenus sind Mitglieder der Vandalia. Norbert Hofer ist bei der Marko-Germania, Harald Stefan bei der Olympia, Manfred Haimbuchner bei der Alemannia. Schlagende Verbindungen sind elitär, reaktionär und rechtsextrem. Diese Tatsachen entnehme ich dem Buch „Stille Machtergreifung. Hofer, Strache und die Burschenschaften“ des Historikers und Journalisten Hans-Henning Scharsach.
Die Buchpräsentation im Welser „Freiraum“ war sehr gut besucht, es wurde auch rege diskutiert, nur die Anwesenden waren sich ohnehin einig. Immerhin. Das Welser Wahlergebnis lässt mich rot werden und schmunzeln. Ich bin ein Schmunzellhaufen und verzieh mich in die Nacht und in
Fragwürdiges.

„Ich arbeite in einem Tonstudio“, höre ich und frage mich: Techniker oder Töpfer? Kann man statt: „Nimm Riechspur auf“ auch sagen: Folge deinem Urinstinkt? Ich radle und es rattern die Gedanken. Bunte Blätter tanzen in den Himmel und ich denke mir: Mit Verlaubkescher und Löschblattfeger müsste doch eine Marktlücke gefüllt werden können. Herbstgedanken.
„Die Sprache verkleidet den Gedanken“, sagt Ludwig Wittgenstein. Mir ist so philosophisch zumute. Die Philosophie ist ein Gedankenklärwerk. Die Aufgabe der Philosophie ist es, naturtrübe Gedanken klar zu machen. Ich fühl mich naturtrüb und bin der Meinung, dass es höchste Zeit ist, eine Abkürzung für das Getränk „Naturtrüber Apfelsaft mit Leitungswasser“ zu erfinden. Wie wär's mit „Natrübileitung“?
Mir ist eher nach Schnaps als nach Saft zumute. Aber klar bleiben ist gerade jetzt wichtig. Demzufolge empfiehlt Ihr StaTTschreiber für die kommenden Wochen und vermutlich Jahre: Klare Gedanken statt klare Getränke. Und generell einfach nicht unterkriegen lassen.

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Über Rollen und Aufnahme

Der StaTTschreiber fühlt sich wohl. Er verrichtet seinen Dienst nicht nach Vorschrift. Er denkt nach und verfasst dann eine Nachlese. Ums Denken ging es auch gestern bei „Die Menschen“ im Kornspeicher. Die Menschen gibt es seit 1986, das muss man so erst einmal geschrieben haben. Die Gruppe „Die Menschen“ stellt Texte zu einem Thema zusammen und trägt diese dann vor. Gestern waren die Gedanken frei und wurde der Bogen von Büchner über Orwell bis zu Nestroy und Morgenstern gespannt. Das ist löbliche Denkarbeit zum Wohle des Publikums. Denkarbeit lohnt sich immer. Aber Vordenker möchte momentan wohl wirklich niemand bezeichnet werden. Das Vordenkertum disqualifiziert sich grad via Plakat. Der StaTTschreiber fragt sich ja schon, warum so etwas ankommt, fühlt sich aber selbst angekommen und in die Welser Gemeinschaft aufgenommen.

Der StaTTschreiber wird bestens betreut und in allerlei Abendaktivitäten eingebunden. Er gibt sein bestes. Gerne schlüfe er weniger. Er arbeitet daran. Es ist dies wohl der große Unterschied zu bisherigen, ähnlich gearteten Tätigkeiten des StaTTschreibers. Er war bereits Dorf-, Markt-, Stadt- und Hotelschreiber, fühlte sich aber selten so gewollt wie in Wels. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht im Dienste der Stadt steht, sondern eben von der Menge ermöglicht wurde. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht nur als StaTTschreiber, sondern auch als Individuum wahrgenommen wird und insofern braucht hier gar nicht so unpersönlich geschrieben und kann getrost zum Ich gewechselt werden. Ich also.

Ich, so es stimmt, der erste und letzte StaTTschreiber von Wels, fuhr ein Monat lang ein Bäckerfahrrad aus den 1950er Jahren und fahre jetzt ein Klapprad aus dem 21. Jahrhundert (Danke Bikerei!). Ich zeche im Black Horse Inn und in Sonis Extrazimmer auf Kosten der Crowdfunding-Initiative von pro.viele. Ich habe einen Schreibtisch im Schl8hof mit Zugang zur Kaffee- und Waschmaschine sowie zum hauseigenen Zeitschriftenarchiv und generell zu Informationen aller Art von rundumkundigen Menschen vor Ort. Ich habe nichts gegen Transparenz. Wie man hoffentlich lesen kann, wenn man liest. Ich habe nichts gegen Denken. Wie man hoffentlich lesen kann, wenn man liest. Ich habe nichts gegen Wiederholung. Wie man hoffentlich lesen kann, wenn man liest. Ich habe aber etwas gegen die Vereinnahmung der Sprache.

Der Eine ist kein Vordenker. Der Andere tut nicht, was richtig ist, er macht sich nur wichtig. Der andere Eine lässt sich von den Seinen seine Kernkompetenz verspielen. Und alle anderen spielen grad Nebenrollen, die nicht oscarverdächtig sind. Wobei, der Oscar für die beste weibliche Rolle geht natürlich an Ulrike Lunacek, weil Konkurenz ist schlicht nicht vorhanden. Da möge sich Griss nicht grämen. Sie hatte ja bereits ihren großen Auftritt im Film „Die Bundespräsident_innen“ der dann zur Dramaserie mit Happy End ausartete. Schreibt man „ausarten“, denkt mein Ich gleich an den Fernsehsender Arte und schreibt man „Die Bundespräsident_innen“, denkt mein Ich gleich an „Die Präsidentinnen“ von Werner Schwab. Womit wir wieder beim Denken wären. Denken. Hingehen. Wählen.

Dienstag, 3. Oktober 2017

Regenzeit ist Zitatzeit (plus ein eingenestroytes Couplet)

Wenn's regnet bei den Kattas. Wenn's regnet, was es nun mal momentan ganz gerne tut, dann treffen wir uns im Tiergarten bei den Kattas, denn denen kann man wettergeschützt beim Kuscheln zuschauen und das wärmt. Walter Benjamin schreibt in „Berliner Kindheit um neunzehnhundert“ im Abschnitt Tiergarten: „Sich in einer Stadt zurechfinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man in einem Walde sich verirrt, braucht Schulung.“ Mein Wald ist Wels. Meine Schulung mein StaTTschreiber-Aufenthalt. Mein Tiergarten der Welser Tiergarten. In einer halben Stunde beim indischen Pfau, sagte ich zum Deutschlandfunk Reporter, er lachte, verstand und war pünktlich. „Und die Nilpferde kochten in ihren Becken“ heißt ein Buch von William S. Burroughs und Jack Kerouac. „Die primitive Kunst der Zunge. Warum Laurie Anderson William S. Burroughs und Computer liebt“ heißt der Artikel, der gerade vor mir liegt. Ja, es regnet. Nein, keine Lust, auf Kattas. Besser im Schl8hof „Konkret“ aus dem Jahre 1987 lesen. „Der Grundlohn für Frauen betrug im Jahr 1939 nur 63 Cent gegenüber jedem Dollar, den ein Arbeiter verdiente. 1986 verdienen die Frauen 64 Cent gegenüber jedem Dollar eines Mannes. Das macht einen ganzen Penny in 40 Jahren. Ich habe ausgerechnet, daß wir im Jahr 3624 Parität erreichen wereden.“ Laurie Anderson äußerst sich aber auch darüber, dass sie die Schnelligkeit der Computer und einprägsame Stimmen liebt. Ein Plädoyer für die Oralität, für mündliche Literatur. Das kommt mir sehr entgegen, zumal ich seit 17 Jahren für mehr Oralität in der Literatur kämpfe.

Am Wochenende war ich übrigens auf einem Barbara-Frischmuth-Symposion im Kunsthaus Muerz in Mürzzuschlag und es traf sich, dass gleichzeitig die Steirischer-Herbst-Produktion „Die Kinder der Toten. Der große Dreh“ in Neuberg an der Mürz ihren Auftakt erlebte und da war ich untergebracht und was schreibt eine Gabriele Riedle 1987 im Konkret im Artikel „They call her Elfie“? „Elfriede Jelineks Texte sind feministisch, aber nicht so gemeint. Sie stylt nicht nur sich, sondern auch ihre Texte. Sie ist obszön, weil sie immer recht hat. (…) Die Aura der Künstlerin im Zeitalter der technischen Reproduzierbarkeit. Das Intrview verspricht so die medientechnische Bannung des fernen und lederbemiederten Literaturstars mit dem Appeal der Madonna made in Hollywood ins heimatlich vertraute Votivbild einer blattgold-geschminkten Hausheiligen, geboren und in Gnade gefallen zu Mürzzuschlag/Steiermark anno 1946.“ 1987 – das war nach „Burgtheater“ und vor „Lust“. Das war im Jahr, in dem sie auch die Neubearbeitung „Präsident Abendwind“ des Nestroy Stückes „Häuptling Abendwind“ zur Aufführung brachte. Ich verbeuge mich vor Jelinek und Nestroy und bearbeite meinerseits neu.

HÄUPTLING ABENDWIND (ein Systemerhalter guter, alter, österreichischer Schule; ein sprachlicher Kompromissverschnitt aus Pröll & Häupl, Charme und Bauchstich; singt in Nestroy Couplet-Manier):

Mei Insel is ganz guat versteckt / Die liegt linksrechts von Lampedusa / Die hot vor über 100 Joahr der Franz Ferdinand entdeckt / Die ist seither a Abstellplotz für Loser
Mei Insel is mei home, my castle und mei Reich / I scheiß mi nix, i tua, i moch, i sauf wo immer i grod will / Und is aner von de Loser goar zu bleich / Donn friss i'ihn ratzteputz – ka Deal
Mei Insel is in letzter Zeit nur leider etwas oarm dran / Es gabert Trottel eh zwoar grod die Menge / Nur schickt uns Österreich weder Frau noch Mann / Die sog'n die Hypo-Pleite treibt sie in die Enge / I sog nur her mit oi de Wiarschtln / Mei Mog'n is no recht im Schuss / So long's an Spritzwein gibt zum Biarschtln / Beiß i in jeden Hypo-Wiarschtl-Fuß
So long's an Spritzwein gibt zum Biarschtln (in Udo-Jürgens-Mit-66-Jahren-Melodie) Is no long, long nit Schluss / (in Die-Welt-steht-auf-kan-Foll-mehr-long-Melodie) Long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long, long nicht Schluss



Donnerstag, 28. September 2017

Ich bin da

Einfahrt freihalten 
Zuwiderhandlungen werden zivilrechtlich verfolgt
Einfahrt freihalten 
Zuwiderhandlungen werden zivilrechtlich verfolgt
Dieses Objekt ist alarmgesichert und videoüberwacht
Gashaupthahn

Einfahrt freihalten!
Hier wache ich!
Bitte keine Reklame
Sind im Garten
Vorsicht Starkstrom Lebensgefahr
Designed für discrete breastfeeding
Never stop learning
Falls die Türe versperrt sein sollte, rufen Sie bitte folgende Nummer an:

Ausfahrt freihalten!
Du siehst mich nicht...
Du hörst mich nicht...
Aber glaub mir
ICH BIN DA!!!
Bitte keine heiße Asche einfüllen
Bitte kein unadressiertes Werbematerial
Einbruchschutz Alarmanlage Videoüberwachung

Ausfahrt freihalten!
Einfahrt freihalten!
Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde

Einfahrt freihalten!
Privatgrundstück
Unberechtigt parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt! Besitzstörungsklage
Privatgrundstück
Unberechtigt parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt! Besitzstörungsklage
Privatgrundstück
Unberechtigt parkende Fahrzeuge werden kostenpflichtig abgeschleppt! Besitzstörungsklage
Wels Streetwork
Türglocke bitte läuten
Please ring the bell
Haustüre bitte immer geschlossen halten!
Achtung Skateboarder Schrittgeschwindigkeit

Mein Weg von der Schlafstätte Black Horse Inn ins Schl8hofbüro ist kurz und voller freizuhaltender Ein- und Ausfahrten. Ich bin noch immer neu hier und nehme dankend jeden Hinweis an.

Mittwoch, 27. September 2017

Abraumhalde

Gestern hatte ich einen Traun. Ja, Traun. Ich war ein Wels in Wels im Traun und in der Traun. Wels gefiel mir im Traun. Als Wels sah ich von Wels nicht viel. Die Traun halt. Ich gefiel mir als Wels, aber irgendetwas stummte nicht mit mir. Irgendetwas wirr verrückt. Irgendetwas spulte mit mir, verspulte mich und spülte mich dort, dort im Traun in die Traun.
Ich sagte mir: Wels statt Karpfen und Krapfen statt Strudel, aber eigentlich am liebsten Maronimus mit warmen Ingwerweichseln. Für einen Wels war ich eindeutig zu gefräßig und geschwitzig. Auch sollte ich mich, für einen Wels in Wels im Traun in der Traun, wirklich mehr traun.
Aber wirklich war in meinem Traun baum etwas. Baum dachte ich das im Traun in der Traun als Wels in Wels, wuchsen mir auch schon Nadeln aus den Barteln und Haselnüsse aus der Zwirbeldrüse.
Benadelte Barteln, das war selbst im kühnsten Traun nicht zu erwarteln. Eine Haselnüssezwirbeldrüse, das war selbst als Wels in Wels mehr Hells Bells als Fels in der Traunbrandung. Nadelbartelwelsen sollte man nicht einmal im Traun in der Traun über den Weg traun. Nadelbartelwelse sind nämlich Wendehälse und senden gefährliche Zwirbeldrüsehaselnüssegrüße in alle Richtungen. Nadelbartelwelse sind gesinnungslos und machtgeil. Nadelbartelwelse sind Wölfe im Schafspelz. Nadelbartelwelsen ist nicht zu traun. Die tun zart, sind aber Fisch, sind aalglatt, schmierig und einmal am Ziel langwierig schädlich, weil unredlich.
Ich dachte mir im Traun: ein konvexer Traun. Ich dachte mir als Wels in Wels: Nicht die Drohne. Mein Biber Schwan und kalter Schwede! Ich dachte mir als Wels in Wels in der Traun im Traun: Wenn ich denke und also bin, so muss der Fluss, wenn er denkt, Fisch sein. So logik mir das im Traun zurecht und folgerte weiter. Der Fluss der denkt und Traun ist, muss letztlich Wels sein. Fisch. Stadt. Wels. Wels Ermöglicht Letztlich Spaß.

Mittwoch, 20. September 2017

Über Versprechen und Versagen


Als StaTTschreiber muss ich mein Augenmerk auf Wörter legen und im Idealfall etwas dafür oder dagegen zur Sprache bringen.

Zinsen sind nagende Ratenratten. Ich mag Wortneuschöpfungen wie Ratenratten. Wortgeburten fallen mir leicht. Schlimmer sind die Wortwehen. Das sind Wörter, die mir zuwehen, weil sie grad umgehen. In Vorwahlzeiten gehen viele Wörter und Slogans um. Es geht was um, oft ist es dumm.

Wenn eine Katze verrückt ist, hat sie nicht mehr alle Tatzen im Schrank. Wenn ein Land abrückt, muss es verkatert aufwachen. Österreich ist schon mal arg abgerückt und abgesoffen. Der Schaden war groß, der Lerneffekt klein. Zinsen mögen nagende Ratenratten sein, aber Erbschaftssteuer ist kein Ungeheuer.

Das wahre Ungeheuer sind die Phrasen. Phrasen haben Hochsaison: Holen Sie sich. Es ist Zeit. Das ist unfair. Nichts kommt von ungefähr. Somit wäre das schon mal klar. Das Ungefähre ist also eine Art Schwarzes Loch. Das Ungefähre ist gefährlich, saugt alles auf und nichts bleibt dabei übrig. Halbwissen ist Ungefähres. Halbwissen ist schon als Wort kaputt. Entweder man weiß etwas, oder man weiß es nicht.

Wie heißt du? MarKö.
Was bist du? Statt.
Wie gefällt es dir in Wels so? Su.
Das ist Halbwissen. Das führt nirgends hin. Halbwissen ist Ungefähres und führt ins Nichts. Populismus ist Ungefähres und führt ins Nichts. Populismus fühlt sich nicht der Wahrheit verpflichtet. Populismus will bloß gefallen. Es geht was um, oft ist es dumm.

Es geht nicht um Politik statt Poesie. Es geht nicht um Poesie statt Politik. Es geht beides. Es geht nicht um E statt U. Es geht nicht um U statt E. Es geht beides. Ja, es geht sogar noch mehr. Es geht Ernst, Unterhaltung, EU und Überraschung statt Vorhersehbarkeit.

Als StaTTschreiber muss ich Fragen stellen, statt Antworten parat haben. Für was kämpft man denn eigentlich? Für Freiheit von etwas oder Freiheit für etwas? Für was arbeitet man denn eigentlich? Für familiäre Fürsorge oder finanzielle Vorsorge?
Für wen müht man sich denn eigentlich so ab?
Für ein vielversprechendes Versagen oder ein vielsagendes Versprechen? Reicht Verstand, um in den Vorstand gewählt zu werden, oder ist der Umstand, nicht mit dem Vorstand verwandt zu sein, immer noch vorrangig? Ergo Verstand de facto zweitrangig? Ist ein Naheverhältnis nach wie vor das Um und Auf? Auf was kommt es an? Sind Vorsätze bloß Versatzstücke der persönlichen Grundsätze? Sind Lehrsätze auch bloß aufgemotzte Stehsätze? Sind Satzungen meist auch nur Leerzeilen? Ist das Wesentliche nicht meist zwischen den Zeilen? Oder sind etwa Um- und Absätze die einzig wahren Sätze?

Nochmal: Für was kämpft man denn eigentlich? Für Freiheit von etwas oder Freiheit für etwas? Und: Ob Einsatz nicht genügte?
Ein Satz ist nie genug und besser nachfragen, als nicht fragen. Es geht was um, ich bleib nicht stumm.
Und hören kann man mich demnächst in der Alten Hutfabrik und zwar am Donnerstag, den 28. September 2017 um 20Uhr30 bei der Abend-Bar von Treffpunkt Mensch & Arbeit.

Dienstag, 19. September 2017

Noch mehr 90er Jahre

Hab mir im Medienkulturhaus „Die beste aller Welten“ (Regie und Drehbuch Adrian Goiginger) angeschaut. Klar, berührend. Was soll man sonst dazu sagen? Schön? Geht nicht. Den Dämon gut dargestellt? Nein, darum geht’s ja nicht. Die Problematik gut dargestellt? Ja, schon. Die Droge, das Leben damit, die Paranoia, den Dreck, den Sumpf, die Spirale abwärts gut ins Bild gesetzt. Auch gut gezeigt, dass vieles, was die Erwachsenen da machen dem 7jährigen eh wurscht ist und dass das Abenteuerliche an der Süchtler Lebensstyle eh auch was hat für das Kind. Auf lange Sicht freilich kann's nicht gut gehen. Das kam rüber. Das Happy End auch. War das zu happy? Durch den Abspann vielleicht. Aber natürlich ein bewegendes Kinoerlebnis. Kein Feierabendkino. Schau ich zu viel Feierabendfilme? Eh nicht. Kunstfilm war das ja auch keiner. Ein superrealistischer Problemfilm. Werden da die filmischen Möglichkeiten zu wenig ausgenützt? Low Budget halt. Linear erzählt. Der Abenteurer und der Dämon als Motive und einziger filmischer Bruch. Die 18 Schilling Frankfurter Episode und die Festnetztelefonate waren wichtig für die zeitliche Verankerung. Ansonsten ließ sich der Schick der letzten 20 Jahre gut verbergen. Keine Autos, Sozialbauten, Amtsgebäude und zeitlose Schlabberkleidung. Die Musik heimisch, die Schauspieler_innen unbekannt.
Doch ganz schön viel richtig gemacht.
Fazit: Ein guter österreichischer Problemfilm (auch wenn ich das Wort an sich nicht mag, ich werde ein besseres suchen, versprochen!), eine mutige heimische Produktion. Ein Abenteurer-Gesellenstück. Jetzt ist Zeit für neuen Stoff.

Donnerstag, 14. September 2017

1987 1997 2017

Und nichts schöner als in der Vergangenheit versinken. Und nichts schöner als der Gegenwart zu entfliehen. Und nichts schöner als sich das leisten zu können. Gestern noch pflichtbewusster Kinobesuch: „Die Beste aller Welten“. Danach pflichtbewusste Schnapsverkostung. Heute liegt ein Stapel 1980er Jahre SPEX vor mir.


Wie da nicht versinken? Wie da nicht vollkommen euphorisch und weinerlich gleichzeitig werden. Ich zupfe eine 1987er Ausgabe raus. Ein erschreckend junger Michael Stipe am Cover (schaut da so aus, wie ich mir David Foster Wallace immer vorgestellt habe, bis ich den Film „The End of Tour“ sah). Storys über Henry Rollins, die Butthole Surfers, Michael Jackson und ein Text von – oh, ja – Rainald Goetz. „Kadaver“ in der Heftmitte. Ein Ur-Goetz mit „Vernichten Vernichten“ als Zitat vorangestellt. Könnte von Thomas Bernhard sein. Dann hebt er an mit „Plötzlich sah ich alles richtig.“ Oh Himmel. Oh Goetz. Oh Henry Rollins.

In der Liste „Best of nie dagewesen! Hasi!“ in „Peace and Fire. 25 Jahre Alter Schl8hof Wels“ reiht Stefan Haslinger Henry Rollins an vierter Stelle (gleich hinter Nirvana). Ich habe Henry Rollins live erlebt und zwar auf der Bühne im Rattenberger Schlossberg. Ja: Rattenberger Schlossberg! Das war gefühlt 1997. Ich trug dort auf Konzerten und Festivals gerne eine Stoffbadehaube, um meine arschlangen Haare zu bändigen. Die Badehaube des Henry Rollins Konzertes war schwarz mit roten und orangen Längsstreifen. Der Schlossberg bebte. Henry Rollins stampfte seinen „Liar“ fest in die Tiroler Erde. Ich übergab mich nicht. Erinner mich aber an eine Dixi-Klo-Episode, die ich hier nicht unbedingt preisgeben möchte. Interessant, was dann so hängen bleibt.


„Und sowenig wie ein Gartentischgespräch mit Henry Rollins ein Plausch ist, sowenig ist ein Konzert mit ihm eine das Herz-auf-die-Bühne-werfen-Show.“ lese ich im SPEX 10/1987 und bin zwischen 80er und 90er Jahre hin- und hergerissen. Was, wenn man nicht durch die Tiroler Dorfhölle gegangen wäre? Was, wen man damals schon Zugang zu Medien wie SPEX gehabt hätte. Was, wenn der Plattenladen „Bella“ im 12 Kilometer entfernten Imst Platten wie „The Uplift Mofo Party Plan“ oder „Freaks“ gehabt hätte? Immerhin hatte er „Poetic Champions Compose“ vom „scheuen, komplizierten Eigenartling“ Van Morrison. Aber PULP oder Red Hot Chilli Peppers 1987 (!!!) - no way. „Und was für Freunde hä
tte ich, bzw. würde ich einladen, wenn ich Parties gäbe, auf denen die Red Hot Chilli Peppers spielen?“ fragt sich der Rezensent und was wäre aus mir geworden, wenn ich Freunde gehabt hätten, die mir Platten wie diese damals schon in die Hände gespielt hätten, frage ich mich.

Mehr als nur überrascht bin ich, dass PULP 1987 schon ihr zweites Album veröffentlichten, das sie „Freaks“ betitelten und gerne lernte ich den Kritiker Sebastian Zabel kennen, der darüber schrieb: „Verheultes Pathos eben. Pulp, eine dem Fatalismus ergebene Band. Tendenz furchtbar, aber très charmant.“ Oh Himmel. Oh Pulp. Oh Schl8hof.

Damals sang George Michael „I want your Sex“, U2 „With or without you“, Whitney Housten „I wanna dance with somebody“ und Suzanne Vega „My name is Luka“, im Schl8hof gab's einen Vortrag von Johanna Dohnal, Wolf Biermann und viele andere spielten und ich muss gestehen, dass ich im Bella „You win again“ von den Bee Gees kaufte. So that happened.

„Ich fühle mich inzwischen selbstsicher genug, meine Texte klarer zu formulieren. Früher wollte ich sie regelrecht verstecken.“ sagt der REM-Frontman und ich denke mir: Mein Früher muss ich nicht verstecken und nicht vor mir hertragen. Klar, das Früher hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Wer weiß, vielleicht säße ich jetzt nicht hier im Schl8hof am StaTTschreiberschreibtisch, wenn ich 1997 nicht Henry Rollins live erlebt hätte. „So konstruierte ich hier neu, schrieb ich jetzt, den Anfang der Geschichte, jetzt, der Welt.“, schrieb Rainald Goetz, schreibe ich und Punkt.

Montag, 11. September 2017

Alle meine Hosen


Räder hängen. Es hängen Räder in Wels. Es hängen rot-grüne Räder an allen Ecken in Wels. Der Mobilitätstag naht. Das Volksfest naht. Der Tennis-Daviscup naht. Wels sieht rot-grün.
Ich will mehr von Wels sehen und werde mit einem Brillenputztuch belohnt. Das Brillenputzträgermedium – ein Informationsfaltblatt mit eingestanztem W als Brillenputztuchhalter – begrüßt mich mit „Servus in der Rennradregion Wels“.
Ich bin kein Renn- aber Radler. Ich bin Waffenradler. Ginge ich unvorsichtig mit Sprache um, ich sagte: Ich bin Waffenradler und mein Rad ist der Panzer unter den Waffenrädern.
Aber mit Panzern muss man sprachlich und praktisch vorsichtig umgehen.
Ich lese, dass morgen, am 12. September, das Panzerbataillon 14 des österreichischen Bundesheeres am Stadtplatz anlässlich des 100. Jahrestages der Isonzo-Schlacht eine Leistungsschau abhält und kann's nicht glauben.
Ich weiß, Vergleiche hinken immer, aber das wäre doch gleich zynisch, als hielte die Arm- und Beinprotheseninnung eine Verkaufsshow ab. Eine Panzer-Leistungsschau am 100. Jahrestag einer an Grauslichkeiten und Gräueltaten kaum zu überbietenden Schlachtenreihe. Geht's noch? Geht's noch unsensibler?

Aber zurück zu den hängenden Rädern und dem nahenden Mobilitätstag. Mich macht mein Waffenrad mobil. Mein Waffenrad ist eine Leihgabe der Bikerei. Mein Waffenrad flößt den anderen Verkehrsteilnehmerinnen Respekt ein. Mein Waffenrad ist ein Lastenrad mit Aufbewahrungskiste vorne drauf.
Mein Lastenrad ist der Sattelschlepper unter den Waffenrädern. Ich schleppe mich auf den Sattel und trete ordentlich in die Pedale. Mache ich das die nächsten drei Monate, sprengt meine Oberschenkelmuskulatur wohl alle meine Hosen.
Alle meine Hosen ist ein guter Titel. Ziemlich explosiv, dieser Beitrag.
Da braucht's ein paar besänftigende Bilder.
Der StaTTschreiber sieht rot-grün statt rot oder schwarz.

Montag, 4. September 2017

Tierische Parteianalogien

Da hat das gestrige Schimpfen aber geholfen. Heute Sonne. Da schaut doch gleich alles anders aus. Ach, wenn schimpfen doch immer hülfe. Dann hätten die Schimpfenden die Oberhand und das kann niemand wollen. Aber heute scheint alles gut. Wels im besten Licht.
Da wächst die gute Laune des StaTTschreibers schneller als Bambus. Da schlägt der StaTTschreiber Räder wie ein Indischer Pfau. Da verschlägt es den StaTTschreiber in den Tiergarten. Er lässt sich inmitten von Kinderscharen treiben und die Tiere verleiten ihn zum Schreiben. Denn die heiße Phase des Wahlkampfs hat begonnen und in einem Tiergarten lassen sich schöne Analogien finden.

Die Spornschildkröte bewegt sich behäbig, sie ist aus der Zeit gefallen, aus einem anderen Jahrtausend. Die Schildkrötenbewegung (ja, bewusst Bewegung!) erinnert an die alte, große Koalition. Im gleichen Gehege befinden sich die Kattas. Sie bilden ein Kuschelknäuel, verschmelzen förmlich und stehen dafür, wie es einmal war. Die Konzepte Schildkröte und Kuschelkurs haben sich überholt.
Der Kranich (Grus grus) tönt wie eine Vuvuzela, das traut man dem grazilen Getier gar nicht zu. Der Kranich könnte für die Grüne Ulrike Lunacek stehen, Ingrid Felipe ist eher ein Säbelschnäbler. Der Zwergseidenaffe ist niedlich anzuschauen, klein, harmlos und erinnert sofort an den Neos Spitzenkandidaten Matthias Strolz.

Der Silberwangenhornvogel ist das Einhorn unter den Vögeln aber halt schwarz und schiach. Er hat blaue Kehllappen und einen aggressiven Habitus. Geierperlhühner hingegen sind zeitlos elegante Dandys und der Goldkopflöwenaffe hat – rein farbenmäßig – etwas von einem Dackel. Zurück zu Politik.
Die SPÖ Wels hat die Patenschaft für den Dunkelroten Ara übernommen. Das ist löblich. Der Schnabel des Ara ist spitz, das Auge wach. Die SPÖ Wels ist nicht Pate der Rotbauchtamarine – die schauen wohl zu traurig. Die FPÖ Wels ist nicht Pate der Blaubauchracke. Die Blaubauchracke lebt im gleichen Käfig wie der Hammerkopf. Der Lisztaffe ist schon vergeben.

Peter Pilz kann man sich gut als Jahrvogel vorstellen. Roland Düringer als exotisch-skurrilen Temmincktragopan. Und Kurz wäre wohl gerne der Purpurglanzstar.
Ein Ausflug in den Tiergarten ist schön. Wels blüht. Wels blaut.
Der StaTTschreiber schaut und schreibt.
Ab Donnerstag auch als Kolumne im Wels-Lokal-Teil der Oberösterreichischen Nachrichten.