Dienstag, 17. Januar 2017

Rohrköhlauer-Konzept

Rohrköhlauer ist ein Dialog zwischen Fotografie und Literatur. Die Fotografin Claudia Rohrauer gibt das Bild und den Rhythmus vor, der Autor Markus Köhle liefert den dementsprechend kurzen oder langen Text – je nach Bildfrequenz: 1 Foto pro Woche = 7 Zeilen Text, 1 Foto pro Monat = 28-31 Zeilen, 1 Foto pro Jahr = 365 Zeilen, 2 Fotos pro Tag = 2 halbe Zeilen, etc.
Vorabsprache gibt es keine, Nachbesprechung beziehungsweise Kommentare erwünscht (an: koehle@backlab.at). Die Projektdauer ist auf 1 Jahr (2017) respektive maximal 365 Bild-Texte angelegt.

Morgenstern - Rohrköhlauer #1

Streitkeulen, wir haben uns entschieden, Streitkeulen zu werden. Wir hätten auch Palmwedel werden können. Aber Streitkeuelen schien unserem Naturell näher. Streitkeulengesellenbrief in der Tasche, Standing in der Szene vorhanden, Alleinstellungsmerkmale erarbeitet. Jetzt steht die Spezifizierung als Morgenstern an. Unser Großvater (der mit dem oben offenen Klobrillenbart, links; wir, mein Bruder und ich, Zwillinge, die mit dem Kinngrübchen-Adolf, rechts) unterstützt unseren Werdegang. Großvater machte in Öl, Palmöl. Man findet ihn und seinesgleichen in Snackriegeln, Fertiggerichten, Billigbiskuitrouladen die in aller Damen und Herren Länder in aller Munde und Mäuler sind.
Mittlerweile ist Großvater pensionierter Palmölianer, quasi ein Postpalmölmagnat und sähe seinen Palmenkelnachwuchs natürlich gerne als Morgensterne auf- und dastehen. Großvater schaute auf uns, Vater haute uns. Wir nannten unseren Großvater immer Palmöli, wir nannten unseren Vater immer Im-Öli. Großvater machte alles zu Geld. Vater trank alles und ging bereits unter, als wir noch topfpflanzenklein waren. Das Leben ist grausam, predigte Palmöli. Süßes und Saures regieren die Welt: Schokoriegel und Waffeln, Palmöl und Napalm. Ihr habt es im Stamm, euch für das Richtige zu entscheiden. Palmöli psalmierte gern. Palmöli hatte aber auch seinen Christian Morgenstern intus und wusste: Ist die Kokosnuss im Butter / Rinnt der Tran des Wals im Kutter / Und dein Sein / schifft sich ein

Freitag, 30. Dezember 2016

Rekapitulation 2016

Top-5-Orte des Jahres:

* 3 Uhr früh in der Karaokebar Hulibumba am Polarkreis in Rovaniemi,
Finnland (8. Mai)

* Bei Sonnenuntergang in der Grand Hyatt Hotel Pianobar im 53. Stock des Jin Mao Towers in Shanghai, China (11. Juni)

* Auf der Aussichtsplattform des Campanile di San Marco in Venezia,
Italien (29. Feber)

*Auf der Treppe zur olympischen Feuertasse im Schisprungstadion Lilehammer,
Norwegen (13. Mai)

* Im Schneesturm in der Langlaufloipe 1765 Meter über den Meeresspiegel in St. Christoph am Arlberg, Österreich (23. Jänner)


Top-5-Bücher des Jahres:
* Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bim-Bams von Prag
* Emma Braslavsky: Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen
* Simone Hirth: Lied über die geeignete Stelle einer Notunterkunft
* Kathrin Röggla: Nachtsendung
* Helmut Zenker: Kassbach


Top-5-Auftritte des Jahres:

* Triëdere-Poetologien-Präsentation in der Alten Schmiede – 18. Jänner

* On Page im Kultum Graz: Fußpflegerin und Wolpertinger – 4. Feber
* BibliothekarInnen-Schulungs-Lesung in Strobl – 14. April
* Spoken Word Performance mit Mieze Medusa im Herder-Zentrum in Danzig – 17. Mai
* Mit Mieze Medusa, Marius & Julie im Busolas auf Zakynthos – 11. August



Samstag, 24. Dezember 2016

Besuchlich in Gmunden

Gmunden ist bekanntlich die Brutstätte der Keramikel. Der Keramikel ist eine Mischung aus Karnickel, Igel und Porzelefant. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Keramikel das C-Chromosom des Karnickels, die Stacheln des Igels und die Ohren des Porzelefants verloren.

Der Keramikel ist gern gebrochen weiß und hat zartgrüne Streifen. Der Keramikel ist leicht zu jagen und zu züchten. In Gmunden hat man diverse Techniken entwickelt, um sämtliche Bestandteile eines Keramikels zu verarbeiten. So hat sich beispielsweise der Beruf des Abkeramikelns einzig in der Region um den Traunsee bis dato halten können. Auch das schwierige Handwerk des Kaminkeramikerls ist nur mehr hierorts zu erlernen.

Nach Gmunden führte mich also einerseits mein Interesse an aussterbenden Arten und Berufen, aber hauptsächlich natürlich die Liebe.
Denn meine Liebe ist nicht das Keramikeln, meine Liebe ist Mieze Medusa und da des Keramikels Brutstätte vorübergehend Mieze Medusas Schreibstätte ist, bin ich besuchlich in Gmunden, schaue den Blässhühnern beim Untertauchen, den Touristen beim vergeblichen Einchecken im vermeintlichen Schlosshotel Orth, den Wolken beim Himmelverwischen, dem Traunsee beim Wellen und uns beim Weihnachten zu.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Dan_zig_geschichten

Warum nicht einfach zu Saisonende in den Nachtzug steigen und 12 Stunden Richtung Norden fahren? Warum nicht aus Innsbruck, Hall, Gmunden zurückkommen, Rucksackfüllung wechseln und gemeinsam mit zwei Polen, die sich nicht kannten, aber ununterbrochen durchquatschten, bis nach Warschau fahren, um dann umzusteigen und weiter nach Danzig - zu Peter - gondeln.
Der gute Peter ist dort Germanistik-Prof an der Uni und hat es auch nicht leicht. Also zum dritten Mal in einem Jahr Danzig. Schön. Also ganz schön wolkig und kalt. Aber ist ja Winter. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt sind uns schon ziemlich egal, wir finden uns sehenswürdig genug und Peter hat allerhand zu erzählen. Grass!

Sonntag, 10. Juli 2016

Shanghaiverdichtung

Wir passieren eine Apotheke. Nix kann ich lesen aber Viagra. Die Taxifahrer sind geschützt durch Plexiglaskojen. Wir gratulieren mit Urkunden zur lobenden Erwähnung und lernen so Namen kennen: Hu Huihui, You Dong-dong. Elektroroller überraschen uns immer und überall. Ich blicke in den Duschkopf, der Duschstrahl begrüßt mich freundlich, ich lese: Köhler. Köhler macht in Sanitäres. Gegessen wird von 12 bis 14 Uhr. Mit Nähe hat man hier kein Problem. Offiziell wohnen 24 Millionen, inoffiziell aber 30 Millionen Menschen hier. Die Inoffiziellen haben natürlich keinen Zugang zu Bildung und Ausbildung. Und aus dem Ausland kommen nicht die Coolen, sondern die, die Geld machen wollen. Die Uniformierten sind entweder sehr jung (Polizei) oder sehr alt (Wachmänner).
In der Altstadt Teehäuser, Pagoden, Basar und Gärten mit vielen Spielereien. Das Wäscheaufhängesystem ist ausgeklügelt: ausgeworfene Latten, gespannte Drähte und Bambusstangen zum Verschieben. In Tempeln werden Schiffchen in einen Ofen geworfen und verbrannt: der Geisterwelt übergeben. Die Räucherstäbchenpräsenz in Tempeln benebelt meine Sinne. Die Gebetshandlungen machen einen sehr gymnastischen Eindruck. Man ist hier sportlich. Kaum dicke Menschen. Die Alten sind edel ausgemergelt.

Die Smartphoneizierung ist quer durch alle Schichten vollzogen. Es gibt hier sehr viele uns so nicht bekannte Berufe: Ich entsorge altes Speiseöl, ich Pappkartons, ich trage Fische in Kübeln von da nach dort. Das Großstadtfunktionsgefüge ist beeindruckend. Auf den Straßen gilt das Recht des Stärkeren. Fahrräder dürfen keine Lichter haben, weil sie die Autos damit irritieren könnten. Mofamuffe gibt es hier in allen Variationen, auch ganze Mofaschürzen und Mofawetterflecke. Die alten Lastenräder – Chinaklischeebild – gibt es noch immer, sie sind aber getuned mit Elektromotoren.

Die Preisgestaltung ist äußerst gemischt. Gestern um 120 Yuán auf den Jin Mao Tower (340 Meter), davor ein Pot Suppe mit Tortellini um 5,50 und um 20 mit dem Taxi heim. Die Fähre kostet 2, der 24 Stunden Hop-on-off-Touri-Bus – je nach Linie – 30 bis 50. Kaffeemangel herrscht nicht. Außer in den sehr großen Shoppingcentern (von denen es sehr viele gibt). Starbucks hat die Vorherrschaft. Doppelte Espressi für 19, Teigbuns für 2, Frühlingsrollen und anderer Kleinteigkram auch. Hier wird viel in Ei gemacht. Käse geht mir noch nicht, Brot aber schon ab. Bier 10-65. Im Supermarkt, in dem ich von einem Stricher angemacht wurde nur 5,90. Eintritte für Tempel und Museen 5-30. Der Crazy-Sightseeing-Tunnel 50 Yuán.


In den 1990er Jahren wollte die Zentralregierung durch Investitionen in Shanghai Hongkongs Status schwächen. Fünfzig Prozent der Hochhausbaukräne dieser Welt standen in den 90ern in Shanghai. Man hat hier keine Angst vor langfristigen Maßnahmen. Strategische Überlegungen werden mit großem Risikomut durchgezogen. Nicht immer erfolgreich. Die Einkindpolitik wurde wohl zu spät aufgegeben und die Spatzenausrottung hat zum Parasitenbefall, Ernteausfall und so zur großen Hungersnot geführt. Wie gesagt, wenig Dicke, wenn dann Junge und Auslandschinesen. Shanghai allerdings ist dabei zu überaltern. Ach ja, 50 Prozent der Weltweiten Produktionsleistung wird in China geschaffen und Shanghai ist die große Verteilungs-Drehscheibe.

Menschen machen Massagen mit Bäumen. Sie reiben sich sehr asexuell in Parks an Baumstämmen. Das schaut gesund aus. Es regnet. Wir entschließen, uns eine Massage zu gönnen. An Massagesalons mangelt es hier nicht. Mein größtes Shanghai-Erlebnis, geben wir ihm den Titel Spezialbehandlung, beginnt.

Dienstag, 21. Juni 2016

Lobende Erwähnungen am laufenden Band

Hochhäuser am People's Square mit Panoramalift
Schwül, fast 80 % Luftfeuchtigkeit, Blickweite: mäßig. Den Shanghai-Tower (630 m) sollten wir ur an zwei von acht Tagen zur Gänze sehen. Ich kann nichts lesen, erkenne eine Apotheke, ein Wort in mir entzifferbarer (entbuchstabbarer?) Schrift - VIAGRA. Aha. Sitze im Taxi, vorne. Der Fahrer neben mir ist durch eine Plexiglaskuppel von mir abgetrennt (von mir abgesichert?). Schaut irgendwie lustig aus, wie ein Überrollkäfig in Rallye-Autos. Paperlapapp, was weiß ich denn, wie Überrollkäfige ausschauen. Die sind sicher stabiler. Diese Scheiben schützen vor Übergriffen von Fahrgästen. Ich will nicht übergreifen, ich will nur mehr begreifen, was ich da so seh und nicht lesen kann. Wobei. Straßen sind vorbildlich zweisprachig angeschrieben. Danke dafür. Sonst irrten wir wohl noch immer irgendwo in den Weiten Shanghais umher.

Wir lernen mit knurrendem Magen. Mittags essen gehen macht man zwischen 12 und 2. Es gibt natürlich genügend Möglichkeiten, auf der Straße diverse Köstlichkeiten mit hohem Überraschungsfaktor einzuwerfen, aber essen in einem Restaurant mit Sitzen, Bedienung und so: 12 bis 2. Gut, wir werden uns daran halten.
Auch ganz schön hoch und alt (Old town)
Nicht unser aber ein tolles Hotel mit Brücke
"Wir gratulieren zur lobenden Erwähnung" stand übrigens auf den Urkunden, die beim Lyrik-Wettbewerb an jene verteilt wurden, die zwar nichts gewonnen hatten, aber eben lobend erwähnt wurden. Wir bekamen dadurch Einblick in die chinesische Namenswelt (also die englischen Zweitnamen, die sie sich geben). Zum Beispiel: Hu Huihui oder Dong-Dong. Eines von beiden heißt Winter, wenn ich mich nicht irre. Aber irren kann ich mich hier am besten. Mein Name allerdings dürfte hier nicht ganz unbekannt sein. Denn die erste große Reklametafel die mir begegnet überrascht mich mit "Kohler". Was Kohler kann sollte ich bald erfahren.
In der Hotelempfangshalle ein Klimtgemälde (natürlich der Kuss). Vom Hotel wegführend eine Straße mit unzähligen Klavier-, Geigen- und Blasinstrumentengeschäften. Bösendorfer, Schimmel & Hofpianowerkstatt Schwerin in Shanghai. Man scheint es uns möglichst heimelig machen zu wollen. Oh, alle anderen Instrumente, und viele, die ich nicht zu benennen weiß, gibt es hier auch. Riesenzittern, Gongpauken, Wummstrommeln. Es ist warm, schwül, drückend. Noch immer, die nächsten sechs Tage. Am siebten sollte es Regen geben. Wir schwitzen, sind zum permanenten Augenzukneifen gezwungen. Wir sind geblendet, überwältigt und leicht niedergebügelt.

Dienstag, 14. Juni 2016

1. Poetry Slam in Shanghai

Blick aus dem Hotelzimmerfenster im 21. Stock
Blick aus dem Austia Center in der Fudan Uni
Das freilich habe ich mir einfacher vorgestellt. Shanghai ist eine Weltstadt, da gibt's überall WIFI, da bloggst du von vorderster Front und stellst täglich einen Shanghai Text mit entsprechenden Fotos online. Ha! Hast du dich aber gehörig vertan.
Freilich Weltstadt - und wie. Aber China ist halt auch groß genug, um eine eigene Netzwelt zu sein und Blogger, Google, Facebook einfach auszusperren. Da schaute ich dann blöd mit meinem googlebasierenden Smartphone. Freilich hätte es Möglichkeiten gegeben, da hätte mich allerdings vorher vorbereiten müssen. Hatte ich nicht. Aber mein Notizbuch begleitete mich und leistet mir vorzügliche Dienste. Shanghai also.
Offiziell 25 Millionen, inoffiziell ganze 30. Schon mal unvorstellbar. Einen ersten Eindruck kriegt man durch die Fahrt vom Flughafen ins Zentrum.
Ein Hochhausmeer, das sich zunehmend verdichtet. Wir flogen knappe 10 Stunden, 8 Stunden Zeitunterschied packten wir noch drauf und dementsprechend tramhappert erlebten wir diese Fahrt durch Hochhausschluchten umd dann vor einem solchen zu halten.
Diesiger Blick auf die famose Pudong-Skyline
Tunnelblick unter dem Huangpu

Das Hotel New Harbour in der Yongshou Road hatte auch flotte 30 Stockwerke und wir waren im 21. Stock untergebracht. Hui. Was für ein Blick auf die Stadt. Was für eine Lage. In Fußgehdistanz von den attraktiven Vierteln Bund, Old Town und gleich ums Eck vom Peoples Square.
Eine Glückstrefferbuchung aus der Ferne. Schon mal ein guter Start. Um 8 Uhr morgens kamen wir an, um 17 Uhr 30 war die Veranstaltung, die uns nach Shanghai ins Austria Center brachte, angesetzt. Ein Rausch, eine Freude, ein Flow.
Die Fudan Universität ist eine von 2800 Unis in China und zwar laut offiziellem Ranking die drittbeste. Sie liegt etwas außerhalb. Wir präsentieren die SiegerInnen-Texte eines Lyrik-Wettbewerbs, wir präsentieren eigene Texte und wir moderieren den ersten Poetry Slam in Shanghai.
Es gibt Wein aus der Wachau, Bier aus China und Häppchen aus der Plastikfolie. Es kommen ein paar mutige Studierende und nahezu die gesamte deutschsprachige Comunity Shanghais. Es kommen Wein-, Bier- und Lyrikfreundinnen und -freunde.
Es wird ein sehr, sehr schöner, langer Abend im besten Sinne der Dichtung.

Dienstag, 31. Mai 2016

Tschnigala-Tschingala-Bang-your-Head

Crowd-Tag-8 (von Lillehammer nach Oslo)

Unfall und Stau hatten wir noch nicht. Unfall und Stau kommen mit Autobahn. Kaum verlassen wir die engen, kurvigen Straßen und rollen auf Oslo zu, staut es sich auch schon. Wir nehmen's gelassen. Die Strecke ist kurz, das Busende naht. Wir haben uns mittlerweile alle schön eingerichtet in unserer Busheimat. Nirgendwo sonst haben wir so viele Stunden verbracht wie im Bus. Ich habe im Bus "Die Mysthiphikationen der Sophie Silber" von Barbara Frischmuth gelesen. Ein Buch, das nicht nur vom Cover her (Walter Pichler) wunderbar in die norwegische Landschaft passte – es zeigt Berge, Wassser, grün-blau-braun (es passt auch wunderbar zur bevorstehenden Bundespräsidentenwahl).
Auch inhaltlich hätte ich meine Reiselektüre nicht besser wählen können. Die Enterischen (der Alpenkönig, die Narzissenfee etc.) fügen sich einwandfrei in die Kulisse ein. Ich habe also gelesen, aus dem Fenster geschaut, geschlafen, Text gelernt (zwei Drittel der "Berufserschreibung"), gequatscht (gar nicht so viel), gelegentlich geschrieben (Blumenvierzeiler, diverse mögliche Textanfänge). Ich habe mich in Summe also verhalten wie daheim und in Oslo wird die Busheimstatt gegen ein Zimmer eingetauscht werden müssen und die Landschaft gegen Großstadt. Es soll mir recht sein. 

Goethe ist in Oslo in Grönland daheim. Wir wollen ihn nicht warten lassen. Er hat ohnehin schon graue Haare. Wir finden hinterher ein fast schon einschüchternd schönes Lokal. Wir essen, trinken, scherzen – am Nachbartisch wird gar gesungen "Tschingala-Tschingala-Tscha". Weil es danach natürlich noch immer hell ist, zieht es uns in einen Keller, aus dem höllische Klänge kommen. Jawohl, ein Heavy Metal Konzert in Oslo! Männer schütteln ihre Mähnen. Ich schütte Bier in mich. Schluck um Schluck und Song um Song wird wieder eine Art Gleichgewicht hergestellt. Da Goethe und Crow-Poetry – dort Mental Dispair, Wyruz und Harm.
Wenigstens in der Halbliterklasse sind wir hier. Der Eintritt kostet keine zwei Bier und ein vor mir sich Schüttelnder zeigt in den Pausen seinem Kollegen Fotos von seinem neuen Fahrrad-Kinderänhänger. Teuer ist hier ja wirklich vor allem das Trinken und Kaffee scheint nicht als Droge zu gelten. Denn doppelte Espressi kann man sich problemlos für 25 Kronen reinzischen, Bier hingegen erst ab 80. Bäckereien sind eine Oase für relativ billige Ernährung. Inder und Thai-Restaurants bieten auch leistbare Überlebensalternativen und wenn einem gefiele, was die Shops so anbieten, wäre auch das nicht ganz unleistbar.

Grönland in Oslo in Abendstimmung
Oslo jedenfalls ist überschaubar und weil das große Feiertagswochenende (Pfingsten mit anschließendem Nationalfeiertag) ansteht, bleibt eh nur ein potenzieller Shoppingtag. If you want to go shopping tomorrow – you cant't. Everything is closed.
Oslo ist also zu, wir arbeiten noch daran.

Der Himmel wird's schon richten

Crowd-Tag-7 (von Oppdal nach Lillehammer oder von Wolken, Käsehobeln und Schisprungschanzen)

In Lillehammer wird auch gestreikt, aber der Streik beschränkt sich auf die Frühstücksbuffetzeiten. Da steht man doch gern früh auf, um dann was von dem netten Städtchen zu sehen.
Denn Lillehammer ist mehr als Käsehobel und Winterspiele. Es gibt zwar kein Käsehobel-Denkmal, ich habe aber gelesen, dass hier dieses Luxus-Käse-Utensiel erfunden worden sein soll. Vielleicht ist der Käsehobel im Stadtwappen abgebildet. Ich werde das noch in Erfahrung bringen. Dieses Städtchen mutet sehr vertraut an.
Das hat auch mit der Schisprungschanze, der olympischen Feuertasse dort und dem Olympischen Dorf zu tun. An Wasser und Landschaft fehlt's natürlich auch nicht und irgendwie erinnert mich das alles an Innsbruck. 1994 fanden hier die olympischen Witerspiele statt. Da hatte ich grad anderes im Sinn, vorwiegend Unsinn, weil Studienbeginn und das erste Semester ging für Lokal- und Bierstudien voll und ganz drauf. Vermutlich lief im Hintergrund auch mal ein Rodelrennen oder einer dieser norwegischen Langlaufhelden, aber an diverse Sieger kann ich mich, ohne zu googeln, nicht erinnern. Aber wir haben endlich Zeit in Lillehammer. Es rentiert sich, den Rucksack auszupacken.
Wir kommen am Nachmittag an, haben bis zum Abend Freizeit und werden auch am nächsten Tag erst gegen Mittag aufbrechen müssen. Wir müssen uns fast ein wenig um- beziehungsweise neu einstellen: von Hektik auf Gemütlichkeit. Sehr gut. Gemütlichkeit kann ich.
Die Bibliothek Lillehammer ist keine 200 Meter vom Hotel entfernt, sie ist beeindruckend
und ein würdiger Rahmen. Die Schisprungschanze ist für einen geländegängigen Tiroler auch mühelos erreichbar und bietet natürlich einen unübertrefflichen Überblick. Ich betrete das Stadion, es werden Bauarbeiten vorgenommen, über die Stadionlautsprecher wird Radio gespielt.
Bruce Springsten
singt für mich "down to the river" und ich gehe up zur Feuertasse, knipse, schaue und staune. Ich bin sehr zufrieden. Der Himmel, die Wolkenformationen, die Mehrschichtigkeit derselben machen mich staunen. Ich bin bewegt, versöhnt, glücklich.