Dienstag, 14. Februar 2017

Lichtschnüre

Draußen gleißende Lichtschnüre, die sich abseilen und mir die Kehle zuziehen. Draußen vermutlich Tag, vermutlich Leben, draußen zu viel Licht für mich. Drinnen dunkel, drinnen ich. Dunkle Augenhöhlen und dunkle Stimmung, schwarzer Balken vor der Aussicht und der Zukunft. Drinnen ein schweres Kreuz, ich im Fadenkreuz, im Visier der Depression. Mir ist jedes Ziel zu viel. Ich bin schwach, schweigsam, nicht der Rede wert. Mich zwingt der Winter in die Knie, mich formt die Lethargie, das Licht kreuzigt, das Leben quert mich und weit und breit kein Ende in Sicht.
Rohrköhlauer # 5, am 14. Februar 2017



ROHRKÖHLAUER-KONZEPT

Rohrköhlauer ist ein Dialog zwischen Fotografie und Literatur. Die Fotografin Claudia Rohrauer gibt das Bild und den Rhythmus vor, der Autor Markus Köhle liefert den dementsprechend kurzen oder langen Text – je nach Bildfrequenz: 1 Foto pro Woche = 7 Zeilen Text, 1 Foto pro Monat = 28-31 Zeilen, 1 Foto pro Jahr = 365 Zeilen, 2 Fotos pro Tag = 2 halbe Zeilen, etc.

Vorabsprache gibt es keine, Nachbesprechung beziehungsweise Kommentare erwünscht (an: koehle@backlab.at). Die Projektdauer ist auf 1 Jahr (2017) respektive maximal 365 Bild-Texte angelegt.

Dienstag, 7. Februar 2017

Wellenteppich

Ich bin gespannt. Heute bin ich sehr gespannt und etwas algig. Heut hab ich zu halten, denn heute windet’s, wellt’s und gischt’s. Heut braucht mich der Wellenteppich. Er hat auch nur mich, mich alleine, alleine mich Leine. Mich Leine wird er niemals los. Wir gehören zusammen, das ist unser Los. Niemand ist gerne Leine, ich schon, ich bin nämlich kein Teppich! Ich bin eine Meerzweckleine, eine Wellenteppichleine. Als Leine bist du deine eigene Chefin. Als Leine hast du zu halten. Als Leine seilt dich niemand ab. Mein Wellenteppich und ich kommen klar. Ich geb ihm Spiel aber nicht zu viel, er mag’s, streng gehalten zu werden. Ich bin ihm mehr als Franse.
Rohrköhlauer # 4, am 7. Februar 2017


ROHRKÖHLAUER-KONZEPT
Rohrköhlauer ist ein Dialog zwischen Fotografie und Literatur. Die Fotografin Claudia Rohrauer gibt das Bild und den Rhythmus vor, der Autor Markus Köhle liefert den dementsprechend kurzen oder langen Text – je nach Bildfrequenz: 1 Foto pro Woche = 7 Zeilen Text, 1 Foto pro Monat = 28-31 Zeilen, 1 Foto pro Jahr = 365 Zeilen, 2 Fotos pro Tag = 2 halbe Zeilen, etc.
Vorabsprache gibt es keine, Nachbesprechung beziehungsweise Kommentare erwünscht (an: koehle@backlab.at). Die Projektdauer ist auf 1 Jahr (2017) respektive maximal 365 Bild-Texte angelegt.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Schneewolf

Es gibt Schneewittchen und Schneehexen, Schneeweißchen und Schneerosenrot, Schneegeißlein und natürlich auch Schneewölfe.
Der Schneewolf ist ein Nacht- und Hüttentier. Hätte er besser verhüttet, wäre er längst ausgestorben. Domestizierte Schneewölfe nennt man Holzhüttenschneewölfe. Sie haben ein groß
es Maul aus Längs- und Querbalken, ihre Dachrand-Maulleiste ist gespickt mit zackigen Eiszapfenleitzinken, ihre Zunge ist schollenförmig, eingedepscht und ihr Gaumenzäpfchen ein frontal gelagerter Orientierungsknubbel. Holzhüttenschneewölfe sind wechtenaffin (Gibt’s auch Graupel-, Kraut- und Sandwechten?), ihre Welt ist, wie der Winter, schwarz-weiß und bitter für Beutetiere:
Sechs Geißlein bereits im Magen, eins noch unter der Zunge.
Der Frühling ist bunt, der Holzhüttenschneewolf aber ist schwarz-weiß und Blut in schwarz-weiß grau.
Rohrköhlauer # 3, am 31. Jänner 2017

Sonntag, 22. Januar 2017

Wolkenwerft

Rauchen schadet der Gesundheit, sagen sie. Sonne schadet der Haut, sagen sie. Wolken schaden dem Himmel, sagen sie. Löcher schaden der Erde, sagen sie.
Irgendwer sagt immer was. Irgendwas ist immer mehr oder weniger falsch.
Schlote sind auch nur Möchtegern-Wolken-Werfer. Straßen-laternen sind auch nur Möchtegern-Sonnen-auf-Stelzen. Hochhäuser sind auch nur das Negativ von Wohnhöhlen, Absperrböcke das Negativ von Springböcken und Autos sind die degenerierte Reinkarnation von Pferden mit Plastikkarosserie statt Fell und Auspuffgasen statt Pferdeäpfeln.
Rohrköhlauer # 2, am 22. Jänner 2017


ROHRKÖHLAUER-KONZEPT
Rohrköhlauer ist ein Dialog zwischen Fotografie und Literatur. Die Fotografin Claudia Rohrauer gibt das Bild und den Rhythmus vor, der Autor Markus Köhle liefert den dementsprechend kurzen oder langen Text – je nach Bildfrequenz: 1 Foto pro Woche = 7 Zeilen Text, 1 Foto pro Monat = 28-31 Zeilen, 1 Foto pro Jahr = 365 Zeilen, 2 Fotos pro Tag = 2 halbe Zeilen, etc.

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Dienstag, 17. Januar 2017

Rohrköhlauer-Konzept

Rohrköhlauer ist ein Dialog zwischen Fotografie und Literatur. Die Fotografin Claudia Rohrauer gibt das Bild und den Rhythmus vor, der Autor Markus Köhle liefert den dementsprechend kurzen oder langen Text – je nach Bildfrequenz: 1 Foto pro Woche = 7 Zeilen Text, 1 Foto pro Monat = 28-31 Zeilen, 1 Foto pro Jahr = 365 Zeilen, 2 Fotos pro Tag = 2 halbe Zeilen, etc.
Vorabsprache gibt es keine, Nachbesprechung beziehungsweise Kommentare erwünscht (an: koehle@backlab.at). Die Projektdauer ist auf 1 Jahr (2017) respektive maximal 365 Bild-Texte angelegt.

Morgenstern - Rohrköhlauer #1

Streitkeulen, wir haben uns entschieden, Streitkeulen zu werden. Wir hätten auch Palmwedel werden können. Aber Streitkeuelen schien unserem Naturell näher. Streitkeulengesellenbrief in der Tasche, Standing in der Szene vorhanden, Alleinstellungsmerkmale erarbeitet. Jetzt steht die Spezifizierung als Morgenstern an. Unser Großvater (der mit dem oben offenen Klobrillenbart, links; wir, mein Bruder und ich, Zwillinge, die mit dem Kinngrübchen-Adolf, rechts) unterstützt unseren Werdegang. Großvater machte in Öl, Palmöl. Man findet ihn und seinesgleichen in Snackriegeln, Fertiggerichten, Billigbiskuitrouladen die in aller Damen und Herren Länder in aller Munde und Mäuler sind.
Mittlerweile ist Großvater pensionierter Palmölianer, quasi ein Postpalmölmagnat und sähe seinen Palmenkelnachwuchs natürlich gerne als Morgensterne auf- und dastehen. Großvater schaute auf uns, Vater haute uns. Wir nannten unseren Großvater immer Palmöli, wir nannten unseren Vater immer Im-Öli. Großvater machte alles zu Geld. Vater trank alles und ging bereits unter, als wir noch topfpflanzenklein waren. Das Leben ist grausam, predigte Palmöli. Süßes und Saures regieren die Welt: Schokoriegel und Waffeln, Palmöl und Napalm. Ihr habt es im Stamm, euch für das Richtige zu entscheiden. Palmöli psalmierte gern. Palmöli hatte aber auch seinen Christian Morgenstern intus und wusste: Ist die Kokosnuss im Butter / Rinnt der Tran des Wals im Kutter / Und dein Sein / schifft sich ein

Rohrköhlauer #1, am 16. Jänner 2017


ROHRKÖHLAUER-KONZEPT
Rohrköhlauer ist ein Dialog zwischen Fotografie und Literatur. Die Fotografin Claudia Rohrauer gibt das Bild und den Rhythmus vor, der Autor Markus Köhle liefert den dementsprechend kurzen oder langen Text – je nach Bildfrequenz: 1 Foto pro Woche = 7 Zeilen Text, 1 Foto pro Monat = 28-31 Zeilen, 1 Foto pro Jahr = 365 Zeilen, 2 Fotos pro Tag = 2 halbe Zeilen, etc.

Vorabsprache gibt es keine, Nachbesprechung beziehungsweise Kommentare erwünscht (an: koehle@backlab.at). Die Projektdauer ist auf 1 Jahr (2017) respektive maximal 365 Bild-Texte angelegt.

Freitag, 30. Dezember 2016

Rekapitulation 2016

Top-5-Orte des Jahres:

* 3 Uhr früh in der Karaokebar Hulibumba am Polarkreis in Rovaniemi,
Finnland (8. Mai)

* Bei Sonnenuntergang in der Grand Hyatt Hotel Pianobar im 53. Stock des Jin Mao Towers in Shanghai, China (11. Juni)

* Auf der Aussichtsplattform des Campanile di San Marco in Venezia,
Italien (29. Feber)

*Auf der Treppe zur olympischen Feuertasse im Schisprungstadion Lilehammer,
Norwegen (13. Mai)

* Im Schneesturm in der Langlaufloipe 1765 Meter über den Meeresspiegel in St. Christoph am Arlberg, Österreich (23. Jänner)


Top-5-Bücher des Jahres:
* Jan Faktor: Georgs Sorgen um die Vergangenheit oder im Reich des heiligen Hodensack-Bim-Bams von Prag
* Emma Braslavsky: Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen
* Simone Hirth: Lied über die geeignete Stelle einer Notunterkunft
* Kathrin Röggla: Nachtsendung
* Helmut Zenker: Kassbach


Top-5-Auftritte des Jahres:

* Triëdere-Poetologien-Präsentation in der Alten Schmiede – 18. Jänner

* On Page im Kultum Graz: Fußpflegerin und Wolpertinger – 4. Feber
* BibliothekarInnen-Schulungs-Lesung in Strobl – 14. April
* Spoken Word Performance mit Mieze Medusa im Herder-Zentrum in Danzig – 17. Mai
* Mit Mieze Medusa, Marius & Julie im Busolas auf Zakynthos – 11. August



Samstag, 24. Dezember 2016

Besuchlich in Gmunden

Gmunden ist bekanntlich die Brutstätte der Keramikel. Der Keramikel ist eine Mischung aus Karnickel, Igel und Porzelefant. Im Laufe der Jahrhunderte hat der Keramikel das C-Chromosom des Karnickels, die Stacheln des Igels und die Ohren des Porzelefants verloren.

Der Keramikel ist gern gebrochen weiß und hat zartgrüne Streifen. Der Keramikel ist leicht zu jagen und zu züchten. In Gmunden hat man diverse Techniken entwickelt, um sämtliche Bestandteile eines Keramikels zu verarbeiten. So hat sich beispielsweise der Beruf des Abkeramikelns einzig in der Region um den Traunsee bis dato halten können. Auch das schwierige Handwerk des Kaminkeramikerls ist nur mehr hierorts zu erlernen.

Nach Gmunden führte mich also einerseits mein Interesse an aussterbenden Arten und Berufen, aber hauptsächlich natürlich die Liebe.
Denn meine Liebe ist nicht das Keramikeln, meine Liebe ist Mieze Medusa und da des Keramikels Brutstätte vorübergehend Mieze Medusas Schreibstätte ist, bin ich besuchlich in Gmunden, schaue den Blässhühnern beim Untertauchen, den Touristen beim vergeblichen Einchecken im vermeintlichen Schlosshotel Orth, den Wolken beim Himmelverwischen, dem Traunsee beim Wellen und uns beim Weihnachten zu.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Dan_zig_geschichten

Warum nicht einfach zu Saisonende in den Nachtzug steigen und 12 Stunden Richtung Norden fahren? Warum nicht aus Innsbruck, Hall, Gmunden zurückkommen, Rucksackfüllung wechseln und gemeinsam mit zwei Polen, die sich nicht kannten, aber ununterbrochen durchquatschten, bis nach Warschau fahren, um dann umzusteigen und weiter nach Danzig - zu Peter - gondeln.
Der gute Peter ist dort Germanistik-Prof an der Uni und hat es auch nicht leicht. Also zum dritten Mal in einem Jahr Danzig. Schön. Also ganz schön wolkig und kalt. Aber ist ja Winter. Die Sehenswürdigkeiten der Stadt sind uns schon ziemlich egal, wir finden uns sehenswürdig genug und Peter hat allerhand zu erzählen. Grass!

Sonntag, 10. Juli 2016

Shanghaiverdichtung

Wir passieren eine Apotheke. Nix kann ich lesen aber Viagra. Die Taxifahrer sind geschützt durch Plexiglaskojen. Wir gratulieren mit Urkunden zur lobenden Erwähnung und lernen so Namen kennen: Hu Huihui, You Dong-dong. Elektroroller überraschen uns immer und überall. Ich blicke in den Duschkopf, der Duschstrahl begrüßt mich freundlich, ich lese: Köhler. Köhler macht in Sanitäres. Gegessen wird von 12 bis 14 Uhr. Mit Nähe hat man hier kein Problem. Offiziell wohnen 24 Millionen, inoffiziell aber 30 Millionen Menschen hier. Die Inoffiziellen haben natürlich keinen Zugang zu Bildung und Ausbildung. Und aus dem Ausland kommen nicht die Coolen, sondern die, die Geld machen wollen. Die Uniformierten sind entweder sehr jung (Polizei) oder sehr alt (Wachmänner).
In der Altstadt Teehäuser, Pagoden, Basar und Gärten mit vielen Spielereien. Das Wäscheaufhängesystem ist ausgeklügelt: ausgeworfene Latten, gespannte Drähte und Bambusstangen zum Verschieben. In Tempeln werden Schiffchen in einen Ofen geworfen und verbrannt: der Geisterwelt übergeben. Die Räucherstäbchenpräsenz in Tempeln benebelt meine Sinne. Die Gebetshandlungen machen einen sehr gymnastischen Eindruck. Man ist hier sportlich. Kaum dicke Menschen. Die Alten sind edel ausgemergelt.

Die Smartphoneizierung ist quer durch alle Schichten vollzogen. Es gibt hier sehr viele uns so nicht bekannte Berufe: Ich entsorge altes Speiseöl, ich Pappkartons, ich trage Fische in Kübeln von da nach dort. Das Großstadtfunktionsgefüge ist beeindruckend. Auf den Straßen gilt das Recht des Stärkeren. Fahrräder dürfen keine Lichter haben, weil sie die Autos damit irritieren könnten. Mofamuffe gibt es hier in allen Variationen, auch ganze Mofaschürzen und Mofawetterflecke. Die alten Lastenräder – Chinaklischeebild – gibt es noch immer, sie sind aber getuned mit Elektromotoren.

Die Preisgestaltung ist äußerst gemischt. Gestern um 120 Yuán auf den Jin Mao Tower (340 Meter), davor ein Pot Suppe mit Tortellini um 5,50 und um 20 mit dem Taxi heim. Die Fähre kostet 2, der 24 Stunden Hop-on-off-Touri-Bus – je nach Linie – 30 bis 50. Kaffeemangel herrscht nicht. Außer in den sehr großen Shoppingcentern (von denen es sehr viele gibt). Starbucks hat die Vorherrschaft. Doppelte Espressi für 19, Teigbuns für 2, Frühlingsrollen und anderer Kleinteigkram auch. Hier wird viel in Ei gemacht. Käse geht mir noch nicht, Brot aber schon ab. Bier 10-65. Im Supermarkt, in dem ich von einem Stricher angemacht wurde nur 5,90. Eintritte für Tempel und Museen 5-30. Der Crazy-Sightseeing-Tunnel 50 Yuán.


In den 1990er Jahren wollte die Zentralregierung durch Investitionen in Shanghai Hongkongs Status schwächen. Fünfzig Prozent der Hochhausbaukräne dieser Welt standen in den 90ern in Shanghai. Man hat hier keine Angst vor langfristigen Maßnahmen. Strategische Überlegungen werden mit großem Risikomut durchgezogen. Nicht immer erfolgreich. Die Einkindpolitik wurde wohl zu spät aufgegeben und die Spatzenausrottung hat zum Parasitenbefall, Ernteausfall und so zur großen Hungersnot geführt. Wie gesagt, wenig Dicke, wenn dann Junge und Auslandschinesen. Shanghai allerdings ist dabei zu überaltern. Ach ja, 50 Prozent der Weltweiten Produktionsleistung wird in China geschaffen und Shanghai ist die große Verteilungs-Drehscheibe.

Menschen machen Massagen mit Bäumen. Sie reiben sich sehr asexuell in Parks an Baumstämmen. Das schaut gesund aus. Es regnet. Wir entschließen, uns eine Massage zu gönnen. An Massagesalons mangelt es hier nicht. Mein größtes Shanghai-Erlebnis, geben wir ihm den Titel Spezialbehandlung, beginnt.