Mittwoch, 10. Mai 2017

Will slam for Apfelkuchen


Die Direktorin der Österreich Bibliothek ist nervös. Das Wetter beunruhigt sie. Es hat geregnet, da könnten die Studierenden zuhause bleiben. Es ist kurz vor offiziellem Beginn. Noch wäre es eher kein Publikum. Aber: Die von mir vorgestern als Instituts-Vorständin vermutete hat wieder Apfelkuchen gebacken. Heute wird sie mir zwei Stücke reservieren. Na wenn das keine Vorschusslorbeeren sind.
Auch der Lehrende mit der tiefen Stimme und dem stets passenden Zitat ist bereits da und wünscht mir viel Glück und Erfolg und verwickelt mich in ein Gespräch über Schoko Schachner, Bruno Pezzey, Hans Krankl und Herbert Prohaska. Ja, da kann ich tatsächlich noch mitreden.
Der Aufzug pingt und bringt uns den Botschafter in Begleitung seiner Assistentin. Ich schüttle Hände und Antworten aus den Ärmeln. Ich sage: MC. Der Botschafter sagt: Musikkasette. Ich sage: Papa Slam. Der Botschafter sagt: Das erinnert mich an die Barbapapas. Ich sage: Schlümpfe! Papa Schlumpf. Der Botschafter fragt: Was machen Sie da eigentlich? Ich sag: Das werden Sie bald erleben. Der Botschafter sagt: Nein, ich warte nur, bis sie beginnen, dann mach ich ein Foto und bin weg. Ich sag: Na dann schönen Abend noch.
Inzwischen ist die Hälfte der Gruppe aus Jerewan eingetroffen. Jerewan-Lektor Moritz übernimmt die Smalltalk-Front. Ich bin durch. Der Aufzug pingt jetzt immer öfter. Der Raum füllt sich gut, das fühlt sich immer besser an, wir fangen bald an. Die Direktorin begrüßt und dankt allen, dem Wetter nicht. Ich übernehme und los geht’s.
Der Nestor der Georgischen Germanistik kommt natürlich erst, wenn alle da sind und hat seinen Auftritt. Er könnte 100 sein. Er ist greisengestaucht, altherrenelegant gekleidet, trägt Stock und hat einen Freund im Schlepptau. Der emeritierte Professor nimmt natürlich in der ersten Reihe Platz. Er lässt sich nicht davon stören, dass ich schon begonnen habe, er begrüßt, wird begrüßt. Ich lass mich auch nicht davon stören, begrüße ihn ebenfalls. Neustart (Fortsetzung folgt).

Dienstag, 9. Mai 2017

Hello Chatschapuri-Kitty

Auffallend viele Dentalpraxen hier und Autos geben sich gern stoßstangenlos. Stoßstangen sind ja gewissermaßen die Schneidezähne von Autos. Gibt es da womöglich eine Verbindung? Muss sich der Georgier, die Georgierin entscheiden ob in die Zahn- oder Autoreparaturwerkstatt? Beides ist finanziell nicht drinnen für die Durchschnittsbürger_innen.
Und vor den (zugegeben malerisch verfallenen) Bruchbuden stehen fette SUVs. Und am Hügel stehen ein neuer Präsidentenpalast und eine neue Kirche. Hauptsache groß, die neuen Autos und Bauten. Die Häuser unmittelbar daneben: Verfall-Studien.

Papageien, Leguane, Falken und Affen sind für Fotos ausleihbar. Mir fliegt Kitty zu - "Hello , Kitty" - ich versuche auch Fotos mit Kitty und Kohle zu machen.
Vuvuzelas sind natürlich super Demo-Krach-Instumente. Vor dem Glaspalast am Fernsehtum-Seiten-Hügel (Name weiß ich grad nicht) wird definitiv für oder gegen was oder wen demonstriert. Ich steh mit Kitty da und kenn mich nicht aus, bin aber sicher auf vielen Fernsehbildern. Hoffentlich gibt es keine Ausreiseprobleme. An den Palast kommt man nicht ran. Auch zu hoffen, dass Kitty nicht plötzlich platzt. Ich wäre wohl im Nu polizeiumzingelt. Der Wind raubt mir Kitty schließlich wieder. Ich gehe Postkarten und Briefmarken jagen.

Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Ich habe sie darauf hingewiesen, dass fünf Briefmarken, auf denen groß 2 Lari draufsteht, eigentlich nicht 15 Lari kosten sollten. Sie berief sich auf eine Servicepauschale, da sie die frankierten Karten auch zur Post brächte. Mein Vertrauen wankte. Erstens musste ich die Karten ja noch schreiben und das dauert und zweitens... eh schon wissen. Ich verzichte also auf den potenziellen Service, muss ihn aber trotzdem zahlen. Langsam nervt's.

Frustessen: Chatschapuri richtet dir die Wadel vire. Was für eine Katerkillerin, was für eine Kaloriengranate. Ein Käseschiffchen mit Ei an Bord, die Schiffswände mit Fett kalfatert. Da jauchzt die Fitness-App, da springt der Cholesterin-Spiegel, da kann kommen was will, ein Chatschapuri gefüllter Magen hält allem stand. Jetzt übersteh ich auch diesen letzten Tag!

Kläffzone, Klospülung und Nachmittagsfernsehen

Eine zarte Modernote hängt in meinem Zimmer. Im Bad ist sie gar nicht so zart. Kommt halt wirklich kaum Sonne rein in diese Dunkelkammer, die im August, bei 40 Grad Celsius, sicher sehr gefragt ist. Man passt sich dann halt an und modert mit.
Bis zu den Knöcheln bin ich schon bemoost, unter den Achseln, also in den Höhlen, das ist ein Pilz (vermutlich ungenießbar) und hinter den Ohren ist's grün-grau - klassischer Schimmelbefall. Schambereich? Schweigen im Moor.
Rausgehen hilft nicht. Draußen Regen und meine Wäsche schon knapp und die Schuhe aufgeweicht und mein Kapperl mützt auch nichts mehr: Schlappkapperl und unnütze Mütze!
Dann halt Fernsehen. Terminator 2 als Nachmittagsprogramm und Lesungsvorbereitung. Sie spricht alles Weib- und Kindliche, er alles Männliche und Schwarzenegger. Bei kurzen Gesprächsparts kann man das Englische hören, die Übersetzung folgt, bei längeren darf man selbst vervollständigen. Hasta la vista, Baby! Wird nicht übersetzt. Null Problemo! Schon.
Auch: I'll be back! Hat sich Arnie eigentlich auf deutsch selbst synchronisiert? In Arnie-Englisch klingt er jedenfalls viel mehr nach einer anderen Welt als auf deutsch.
Tom & Jerry ist tonlos. Ohne Udo-Jürgens, ohne Schrei von Tom, ohne Uff-Zack-Krach-Bum-Bum-Klavier-fällt-aus-dem-ersten-Stock-Geräusche, ohne klassische Spannungsmusik. Ich bin frappiert.
Ansonsten viele singende Kinder mit lächerlichen Kostümen, Talk-Shows mit mehr Silikon als Fleisch auf der Couch, Kriegsfilme wo ich nicht weiß, wer wer ist und Nachrichtensendungen, die einen anderen Weltmittelpunkt und Studiosprecher haben, die so ausschauen wie bei uns Krisengebietsreporter im vor Ort Einsatz. Der vermeintliche Jazz-Sender hat sich nach einem Tag auch als Opern und Moderndance-Sender entpuppt und als dann die Kirchenchöre und Choräle dran waren, war's dem Köhle Gequäle genug.
Die erste Nacht unterhielten mich ohnehin die Klospülungs-Aufmerksamkeits-Aufrufe aller anderen Hotelzimmer, die dann nicht selten von den Hunden in der Umgebung beantwortet wurden: eine Kläffzonen-Nachbarschaft. Na wow, na wuff, na bumm!

Montag, 8. Mai 2017

Leberkäshose und Dirndlsemmel am Fuße der Friedensbrücke

Und dann will ich einmal handeln, wie es anscheinend von einem erwartet wird, zeige also in guter Absicht auf den mittelgroßen Becher, will Granatapfelsaft, sie 5 Lari dafür. Ich biete drei, in der Hoffnung immer noch auf einen kleinen Becher downgegradet zu werden, sie schimpft, wird laut, gibt mir nicht den kleineren Becher, sie gibt mir gar nichts und schickt mir zum Teufel. Wenn ich das richtig Verstanden habe. Gut, gehe ich halt zum Teufel, der ist nebenan und verkauft Bier: Kazbegi, kenn ich noch nicht. Im kühlen Krug (und ganz ohne verhandeln zu müssen) serviert für drei Lari. Ätschibätsch!
Bin in ein Europafest bei der Friedensbrücke geraten. Eine Zeltstadt, ein Europazeltfest. Im Österreich-Zelt natürlich Dirndl und Lederhose, aber ein paar Zelte weiter, die wirkliche Überraschung. Sie lauert in der Fressmeile: Ein Leberkässemmelstand von Schirnhofer. Tbili Leberkäs will I! Ach ja, tbili heißt warm. Ich habe darauf verzichtet, mich durch die Altstadt fluten lassen und bin schließlich in einer recht edlen Flaniermeile gelandet. So ein Vorzeigeprojekt mit lauter schmucken Fassaden und Fußgängerzonengrabenkämpfen und Straßencafemusikduellen - nur mit Nachmittagsschwips und Sonnenschein erträglich. Gestern schien die Sonne und Ludi gab's auch. War also ganz nett dort.
Sonntag ist natürlich auch hier Flohmarkttag. Von Dichtungen, Widerständen, Transformatoren, Stalinbildern, Bakelitlichtschaltern, Trinkhörnern, Dolchen über Bratpfannen in allen nur erdenklichen Formen bis zu Gürtelschnallen in allen nur erdenklichen Formen wurde hier alles sehr schön auf Tüchern auf dem Gehsteig bzw. Autokühlerhauben präsentiert. Ich war angetan aber nicht Käuferzielgruppe.
Schwierigste Aufgabe des Tages: Sonnencremekauf. Drogerien, Apotheken, Supermärkte - negativ, bzw. nur extrem überteuerte Importware. Hab schließlich ein einheimisches Produkt erstanden, bin mir aber nicht sicher, ob es vor Sonne schützt oder ganz etwas anderes mit der Haut macht. Die Creme, die keinen Namen hat, den ich hier wiedergeben könnte, riecht aber mal nach nichts Bösem. Und ich bin nicht weiß-rot wie die Landesfahne (die wie die englische nur noch mit vier weiteren Kreuzen in den Vierteln ausschaut).

Sonntag, 7. Mai 2017

Natakthari und Reise-Knowhow

Autos dürfen hier noch alles. Zebrastreifen sind rar. Dafür gibt es Fußgängerunterführungen unterschiedlichster Grindstufen.
Jacobs macht Nescafe instantmäßig Konkurrenz.
Überall überfallen einen Leuchtschriftbänder mit mehr Informationen, als ich will.
Die Uhrzeit wird einem von überall eingehämmert und die arabischen Zahlen zerstören das ästhetische, georgische Schriftbild.
Eingelegtes Gemüse ist hier noch wirklich sauer. Selten so das Gesicht verzogen, hat aber was. Auch auf sauer trinkt man am besten: Natakthari (süßlich).

Gamardschoba lässt sich aussprechen und ist bei Begrüßungen angebracht. Danke heißt madloba.
Das geht, das kann ich. Bitte gibt's nicht. Das geht auch, kann ich auch.
Reiseführer - im konkreten Fall: Reise Knowhow - sind over. Schwer, schwer hinterher und nicht etwa old school sondern altbacken (für 90er Jahre Backpacker).
Bohnen machen in und mit einem hier noch das, für das sie berüchtigt sind.
"Warum denn nicht?", sagt die dauerkommentierende - vermutlich Insitutsvorständin - neben mir während des Foto-Vortrags von Anja Manfredi in der Österreich Bibliothek, die mehr Schweizer zeitgenössische Autor_innen lagernd hat als überhaupt österreichische Literatur.
Morgen dann drei Bücher mehr, morgen mein Tag, mein Abend, mein Auftritt.
Jetzt aber wieder raus in die Sonne und in dieses architektonisch dauerüberraschende Tbilisi.

Freitag, 5. Mai 2017

Larifari in Tbilisi

Also das warme Wasser kommt hier schon mal rechts. Nichts passiert, nur mit kalten Füßen wach geworden und lange gebraucht, bis ich die andere Seite probiert hab. Munterwerden ist nämlich schwierig in Löslichkaffeeländern. Hab dann eh einen Espresso-Dealer gefunden, da waren die Füße schon wieder etwas wärmer.
Die Schrift ist schön, aber unverständlich, die Sprache ist lustig. Lari heißt die Währung, Ludi Bier. Ich habe Lari und will Ludi. Das lässt sich machen. Ich marschiere viel, hab auch den Hausberg schon erklommen, dort steht ein Fernsehturm der vor allem nachts gut ausschaut und seit einigen Jahren steht dort auch ein Riesenrad, kenn ich als Konzept schon (der Rest vom Vergnügungspark fehlt auch nicht, doch, der Biergarten fehlt und wie!). Tourismusindustrie will dann halt doch auch gelernt sein.

Beim Mittagessen bin ich geneppt worden. Hatte noch kein Gefühl für die Währung aber großes Vertrauen in den Schnauzbartkellner. Wenigstens habe ich zwei Schafsherzen verzehrt (wenn's nicht doch eine Leber war), gepocht haben sie nicht mehr, waren ja gegrillt. Jetzt knurrt der Magen auch schon wieder, weil so viele Höhenmeter und Sightseeingmeilen gemacht. Also nichts wie ab ins Tbilisi-Nachtleben.

Donnerstag, 4. Mai 2017

Lütfen und Abfliegen

Sitze im Transitbereich des Istanbuler Flughafens. Habe Efes und WLAN. Noch 30 cl, noch 30 Minuten. Dann geht es weiter nach Tiflis. Dort bin ich dann bis 10. Mai. Am 8. Mai werde ich in der Österreich Bibliothek lesen und sonst werde ich mich einfach herumtreiben und schreiben. Freue mich schon auf die Orientierungslosigkeit und Fremdheit, die mich sicher mit offenen Armen empfangen wird. Die Schrift schaut ja superästhetisch aus, erkennen kann man allerdings nichts. Also ich. Das wird sicher ein Abenteuer. Werde mich bemühen, regelmäßig zu bloggen. Werde mich bemühen, Fotos zu machen. Werde mich bemühen, mir das Bemühen nicht anmerken zu lassen.

Mittwoch, 12. April 2017

Jammern auf hohem Niveau

Im Herbst erscheint mein neuer Roman mit dem Titel: Jammern auf hohem Niveau. Es ist ein Barhocker-Oratorium und ich bin gerade dabei, die letzten Korrekturen zu machen, also noch einmal durch den Text zu gehen.
Das ist kein Jammer, das macht Spaß. Wie die Wolpertinger - Kuhu, Löwels, Mangoldhamster - erscheint auch Jammern auf hohem Niveau bei Sonderzahl.
Das freut mich. Grund zur Freude ist auch, dass Matthias Schmidt für Satz und Buchgestaltung verantwortlich zeichnet. Matthias Schmidt ist u.a. Literaturzeitschriften-Kollege und gibt Triëdere heraus: http://www.triedere.com/ 

Mittwoch, 5. April 2017

Keppelallianz

Elch-Alarm! Elche aus der Gesellschaft ausgebrochen. Elche rotten sich zusammen. Elche organisieren sich. Elche vermaschinieren. Elche planen einen Aufstand. Elche wollen sich vermutlich auf die Bühne heben, die ihnen gebührt. Wie konnte es zu dieser Elchverhebebühnung kommen? Alle wurden doch geherzt, geduzt, gestreichelt. Alle, Elch und du. Alle waren gesundheitsversichert und integriert: Elch und du. Allen standen alle Wege offen: Elchen, Tieren, dir und mir. Aber dann: der Elchtest, der Dieselmotorenskandal und „We can leave a little bit of the environment“-Trump. Welches little bit denn bitte? Die Sandstraße? Das Blaue des Himmels? Die verfickte Sonne? Einreiseverbot für die Sonne? A wall against the sun? Elche? Eine Elchmauer? Sie rückt ja eh schon näher die Mauer. Aber wie kommst du denn auf Elche? Das sind doch im Grunde bloß dienstlose Aussichtsplattformen, die sich hier unterhalten, die gerne Strelitzien wären. Da zwitschern sich doch Paradiesvogelblumen zu, weil sie auf den Bus in die Stadt warten, der hier halt wirklich sehr selten vorbei kommt. Und die eine, die arg im Nacken Geknickte sagt: „Ich war doch gar nicht so garstig.“ Aber alle sind sich einig und keppeln auf sie ein: „Wir sind größer, schöner, eleganter!“ Mein Gott, hätte ich einen solchen Hals, ich trüge meinen Kopf auch hoch. Eine Mischung aus Elch und Giraffe müsste man halt sein: Giraffelch. Das wär's! Klar, reckte ich mich. Aber ich will mich nicht aufregen. Alles bloß keine Erelchung. Also Elch-Alarmentwarnung! Echt?
Rohrköhlauer # 9, am 30. März 2017

Dienstag, 21. März 2017

Türsturz

Publikum ist eine Pest. Publikum findet heutzutage ja überall hin. Eine wirklich hermetische Veranstaltung abzuhalten, ist mittlerweile eine Kunst. Denn man kann sich vor Leuten, die einem zuhören, einen sehen und verstehen wollen wirklich kaum mehr erwehren. Eintritt und Helmpflicht sind längst keine Lösung mehr, denn Publikum ist begütert und demütigungsbereit. Wer unbesetzte Sessel will, muss bauliche Maßnahmen setzen. Es müssen Rigipswände hochgezogen und Türen gestürzt werden, um endlich wieder unter sich und säulesgleichen weilen zu können.

Rohrköhlauer # 8, am 14. März 2017

Freitag, 10. März 2017

Intimrasur

Schon interessant, was einen immer so beschäftigt. Da summt man innerlich „This is the road to nowhere“, vermeint sich auf dem ultimativen Pfad ins Blaue und in eine strahlende Zukunft und an was denkt man? An den Patschen im Fahrrad, der seit Wochen geflickt gehört. An die tropfende, nein, fast schon munter fließende Klospülung, die repariert gehört. An die eine im Schritt geplatzte Hose, die man selbst sich nicht zutraut zu nähen, und sich gleichzeitig auch nicht getraut, jemanden damit zu beauftragen. Und an Intimrasur. Windige Gedanken, ich weiß. Aber woher bloß diese Scham? Schert sich eine Wolke, woher der Wind weht? Schert sich ein Schaf, wer es schert? Eben.
RKA # 7, am 8. März 2017

Montag, 6. März 2017

Tarndrohne

Wer schnaubt eigentlich das Wasser in Teiche? Badewannen sind ja Bedarfsteiche. Wer pflanzt Inseln in Seen? Vorgartenpools sind ja Privatbaggerseen. Wer schnallt den Schilfgürtel enger? Paravents sind ja Wohnzimmerverschilfung. Wer fragt hier eigentlich? Eigentlich ist ja eine sprachliche Unart und Unart gehört kultiviert. Wildwuchsförderungsgesuch genehmigt, Verbuschung avisiert, Schreibfluss ungehemmt absonderbar! Vertrackte Eklektizismusentladung einer Tarndrohne im Sinkflugmodus oder Scheinchimäre in gleisender Tümpelhaftigkeit? Böschung auf Abwegen oder Wuschelding mit submariner Sonarsondiertauglichkeit? Oberflächenabtastomat mit Fein- und Einfühlungsvermögen oder Streicheltraktor und Grundschürfer mit Beackerungsfunktion aufgesuppt zur Henkeltasse mit Behelfsschnabel? Vorgegockelt handgestrickte Grobmaschenlustigkeit oder vermittellose Seichtness? Zerrbildnerisch erzweckte Erziehungsmaßlosigkeiten oder kolportösige Fad-News-Depeschen? Ist Dackeldrüsenüberschuss mit Untauglichkeitsbravour und Dramensalat ohne Kürbiskernessenz abzumilchnern und abzuschlagsahnen oder vogelspinnt hier nur wer? Glänzt dahinschimmelndes Talent im Opferstock der Kleinmütigkeit? Ist was schimmervoll aber abgrundtief harmlos wie ein alkoholfreies Weizenbier an der Verschmerzbar? Oder ist das doch bloß eine Hochlandrindverschilfung?

Rohrköhlauer # 6, am 1. März 2017
ROHRKÖHLAUER-KONZEPT
Rohrköhlauer ist ein Dialog zwischen Fotografie und Literatur. Die Fotografin Claudia Rohrauer gibt das Bild und den Rhythmus vor, der Autor Markus Köhle liefert den dementsprechend kurzen oder langen Text – je nach Bildfrequenz: 1 Foto pro Woche = 7 Zeilen Text, 1 Foto pro Monat = 28-31 Zeilen, 1 Foto pro Jahr = 365 Zeilen, 2 Fotos pro Tag = 2 halbe Zeilen, etc.
Vorabsprache gibt es keine, Nachbesprechung beziehungsweise Kommentare erwünscht (an: koehle@backlab.at). Die Projektdauer ist auf 1 Jahr (2017) respektive maximal 365 Bild-Texte angelegt.

Dienstag, 14. Februar 2017

Lichtschnüre

Draußen gleißende Lichtschnüre, die sich abseilen und mir die Kehle zuziehen. Draußen vermutlich Tag, vermutlich Leben, draußen zu viel Licht für mich. Drinnen dunkel, drinnen ich. Dunkle Augenhöhlen und dunkle Stimmung, schwarzer Balken vor der Aussicht und der Zukunft. Drinnen ein schweres Kreuz, ich im Fadenkreuz, im Visier der Depression. Mir ist jedes Ziel zu viel. Ich bin schwach, schweigsam, nicht der Rede wert. Mich zwingt der Winter in die Knie, mich formt die Lethargie, das Licht kreuzigt, das Leben quert mich und weit und breit kein Ende in Sicht.
Rohrköhlauer # 5, am 14. Februar 2017



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Dienstag, 7. Februar 2017

Wellenteppich

Ich bin gespannt. Heute bin ich sehr gespannt und etwas algig. Heut hab ich zu halten, denn heute windet’s, wellt’s und gischt’s. Heut braucht mich der Wellenteppich. Er hat auch nur mich, mich alleine, alleine mich Leine. Mich Leine wird er niemals los. Wir gehören zusammen, das ist unser Los. Niemand ist gerne Leine, ich schon, ich bin nämlich kein Teppich! Ich bin eine Meerzweckleine, eine Wellenteppichleine. Als Leine bist du deine eigene Chefin. Als Leine hast du zu halten. Als Leine seilt dich niemand ab. Mein Wellenteppich und ich kommen klar. Ich geb ihm Spiel aber nicht zu viel, er mag’s, streng gehalten zu werden. Ich bin ihm mehr als Franse.
Rohrköhlauer # 4, am 7. Februar 2017


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Mittwoch, 1. Februar 2017

Schneewolf

Es gibt Schneewittchen und Schneehexen, Schneeweißchen und Schneerosenrot, Schneegeißlein und natürlich auch Schneewölfe.
Der Schneewolf ist ein Nacht- und Hüttentier. Hätte er besser verhüttet, wäre er längst ausgestorben. Domestizierte Schneewölfe nennt man Holzhüttenschneewölfe. Sie haben ein groß
es Maul aus Längs- und Querbalken, ihre Dachrand-Maulleiste ist gespickt mit zackigen Eiszapfenleitzinken, ihre Zunge ist schollenförmig, eingedepscht und ihr Gaumenzäpfchen ein frontal gelagerter Orientierungsknubbel. Holzhüttenschneewölfe sind wechtenaffin (Gibt’s auch Graupel-, Kraut- und Sandwechten?), ihre Welt ist, wie der Winter, schwarz-weiß und bitter für Beutetiere:
Sechs Geißlein bereits im Magen, eins noch unter der Zunge.
Der Frühling ist bunt, der Holzhüttenschneewolf aber ist schwarz-weiß und Blut in schwarz-weiß grau.
Rohrköhlauer # 3, am 31. Jänner 2017

Sonntag, 22. Januar 2017

Wolkenwerft

Rauchen schadet der Gesundheit, sagen sie. Sonne schadet der Haut, sagen sie. Wolken schaden dem Himmel, sagen sie. Löcher schaden der Erde, sagen sie.
Irgendwer sagt immer was. Irgendwas ist immer mehr oder weniger falsch.
Schlote sind auch nur Möchtegern-Wolken-Werfer. Straßen-laternen sind auch nur Möchtegern-Sonnen-auf-Stelzen. Hochhäuser sind auch nur das Negativ von Wohnhöhlen, Absperrböcke das Negativ von Springböcken und Autos sind die degenerierte Reinkarnation von Pferden mit Plastikkarosserie statt Fell und Auspuffgasen statt Pferdeäpfeln.
Rohrköhlauer # 2, am 22. Jänner 2017


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Rohrköhlauer ist ein Dialog zwischen Fotografie und Literatur. Die Fotografin Claudia Rohrauer gibt das Bild und den Rhythmus vor, der Autor Markus Köhle liefert den dementsprechend kurzen oder langen Text – je nach Bildfrequenz: 1 Foto pro Woche = 7 Zeilen Text, 1 Foto pro Monat = 28-31 Zeilen, 1 Foto pro Jahr = 365 Zeilen, 2 Fotos pro Tag = 2 halbe Zeilen, etc.

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Dienstag, 17. Januar 2017

Morgenstern

Streitkeulen, wir haben uns entschieden, Streitkeulen zu werden. Wir hätten auch Palmwedel werden können. Aber Streitkeuelen schien unserem Naturell näher. Streitkeulengesellenbrief in der Tasche, Standing in der Szene vorhanden, Alleinstellungsmerkmale erarbeitet. Jetzt steht die Spezifizierung als Morgenstern an. Unser Großvater (der mit dem oben offenen Klobrillenbart, links; wir, mein Bruder und ich, Zwillinge, die mit dem Kinngrübchen-Adolf, rechts) unterstützt unseren Werdegang. Großvater machte in Öl, Palmöl. Man findet ihn und seinesgleichen in Snackriegeln, Fertiggerichten, Billigbiskuitrouladen die in aller Damen und Herren Länder in aller Munde und Mäuler sind.
Mittlerweile ist Großvater pensionierter Palmölianer, quasi ein Postpalmölmagnat und sähe seinen Palmenkelnachwuchs natürlich gerne als Morgensterne auf- und dastehen. Großvater schaute auf uns, Vater haute uns. Wir nannten unseren Großvater immer Palmöli, wir nannten unseren Vater immer Im-Öli. Großvater machte alles zu Geld. Vater trank alles und ging bereits unter, als wir noch topfpflanzenklein waren. Das Leben ist grausam, predigte Palmöli. Süßes und Saures regieren die Welt: Schokoriegel und Waffeln, Palmöl und Napalm. Ihr habt es im Stamm, euch für das Richtige zu entscheiden. Palmöli psalmierte gern. Palmöli hatte aber auch seinen Christian Morgenstern intus und wusste: Ist die Kokosnuss im Butter / Rinnt der Tran des Wals im Kutter / Und dein Sein / schifft sich ein

Rohrköhlauer #1, am 16. Jänner 2017


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